Katharine formidable – Pariser Flair im Rettershof

18.06.2017 – MG                            HIER mehr Fotos

Katharine Mehrling singt Piaf

Einen wirklichen Star aus der Hauptstadt Berlin hatte die Stadt Kelkheim zur Eröffnung ihres Kultursommers eingeladen und so war denn auch der Rettershof mit seinem wunderbaren Ambiente vollbesetzt, um Publikumsliebling Katharine Mehrling, ausgezeichnet bereits zum 4. Mal mit dem Goldenen Vorhang als beliebteste Musical Darstellerin, live auf der Bühne zu erleben. Sängerin, Schauspielerin, Entertainerin par excellence – das alles verkörpert die zierliche Person mit der Riesenstimme und dem unglaublichen Charisma. Im hessischen Nidderau-Ostheim geboren, wurde sie beeinflusst von ihrer Mutter Margarethe Mehrling alias Grit von Osthen. Von ihr hat sie die Liebe und Leidenschaft zum französischen Chanson, insbesondere hierbei für Edith Piaf übernommen. Nach Ausbildung und künstlerischen Stationen in Paris, New York und London hat sie nun ihren Wohnsitz in Berlin. Dort tritt sie regelmäßig in verschiedenen Theatern auf, spielt und singt alle Hauptrollen in Produktionen wie „Irma la Douce“, „Piaf“, „Cabaret“, „Some Like it Hot“, „Kiss me Kate“, „Die Dreigroschenoper“, und zuletzt „Evita“ im Ronacher in Wien. Die enge Verbindung zu ihrer Familie und zur Heimat hat sie nie verloren. Für sie, ihre Freunde und alle Verehrer bleibt sie die Kathi von damals aus der Tenne, der Musik-Kneipe ihrer Eltern.

Nach der Begrüßung durch Kulturreferentin Dr. Matuscheck und dem Auftritt der Band steigt die Spannung, denn dann, endlich kommt sie, schwarze 7/8tel Hose, weiße Bluse, das Haar leger zusammengesteckt. Die Bühne ist ihre Welt, das Theater ihr Zuhause. „Eine Rolle bietet Schutz“, befindet sie. Dabei hat sie es nicht nötig, sich hinter einer Rollenfigur zu verstecken. Formidable ist sie selbst und mit diesem Titel von Charles Aznavour beginnt sie ihr Programm. Ihm und seinen Chansons widmet sie den ersten Teil des Abends. Bei „Du lässt Dich geh‘n“ hat sie den Text verändert. Es geht nicht mehr um die schlampige Frau, sondern um die Medienbesessenheit in der heutigen Zeit. Mit „Wien, Wien, nur Du allein“ leitet sie über in die Zeit, wo sie als Evita im Ronacher engagiert war. Viel Zeit verbrachte sie in Wien und hat dort das Weanerische schätzen und lieben gelernt. „Nowotny“ ist ein Titel, den sie perfekt interpretiert. Von Chavela Vargas, einer mexikanischen Sängerin, ist der Song „El ricon del alma“.

Auch wenn „La Mehrling“ angestrahlt im gleißenden Scheinwerferspot (Beleuchtung Sven Herzel) steht, so ist sie ein Teamplayer. Jedes Mitglied ihrer Band, alles erfolgreiche professionelle Musiker, bekommt von ihr den Raum, sich zu präsentieren. Ob Pianist und Posaunist Ferdinand von Seebach mit tollen Arrangements, Kontrabassist HD Lorenz, Gitarrist Jo Gehlmann oder Schlagzeuger Stephan Genze – bei allen, einzeln und miteinander, ist es ein Genuss zuzuhören.

Einen Querschnitt durch verschiedene Musikrichtungen gibt es bei einem Medley mit Titeln aus „Irma la Douce“, „Cabaret“ oder „Der Zauberer von Oz“ mit dem weltbekannten Song „Over the Rainbow“, seinerzeit gesungen von der unvergesslichen manisch-depressiven Judy Garland. „Alle diese Rollen wohnen in mir“, sagt Katharine Mehrling.

Französisch geht es auch nach der Pause weiter. „Sous le ciel de Paris“, „La Boheme“, „Ganz Paris träumt von der Liebe“. Es sind nicht nur die Titel, die jeder kennt – Katharine Mehrling versteht es auf unnachahmliche Weise, die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen, mitzunehmen auf die Reise in die Abgründe der Seele, einzubeziehen in ihr Programm, zu spielen und zu flirten – in Paris wird immer und überall geflirtet und dieses Flair bleibt ihr im Blut. Offen kokettiert sie, ob mit dem Bürgermeister Albrecht Kündiger, den sie Harald nennt oder bei der Aufforderung an die erste Reihe, die Melodie mitzusingen.

Als special guest ist Vassily Dück mit dabei. Er ist ein Poet und Alleskönner auf dem Bajan, einer speziellen Art von Akkordeon. Sie kennen sich seit damals vor unendlich vielen Tagen aus der Tenne im heimischen Ostheim und auch hier gibt es augenzwinkernd die wilde Story, sie habe Vassily Dück, den Russland-Deutschen aus Rommelskirchen, bei ihrem Besuch in Nowosibirsk auf dem Rücken tragend gleich nach Kelkheim transportiert…

Chansons sind ihre Welt, „Padam, Padam, Padam“ – ein Lied, das sie verfolgt. Und dann wieder Geschichten. Auch von und über sich selbst. 2 Frauen haben ihr Leben geprägt – Edith Piaf und ihre Mutter. Über die Piaf ist alles gesagt und geschrieben, über ihre Mutter viel zu wenig. Als Hommage an sie, für die mancher von weit kam, um sie singen zu hören, damals in der Tenne, wo sich zwischen Bier und Schnitzel Dramen abspielten, singt Katharine Mehrling. Sie singt für sie und auch für sich selbst, nach einer Schallplatten-Einspielung des Originals ihrer Mutter mit der rauchig-verruchten Stimme, das Lied von „Jonny“, einem dieser Schufte, zu Ende. Das ist wahrlich ganz großes, tief berührendes Theater.

Und so bleibt es auch, denn es sind immer besondere Stücke, die sie oft auch schonungslos singt, Songs, die zu Herzen gehen und die sie unnachahmlich zu interpretieren versteht, wie das Lied „Beide Seiten“ von Joni Mitchel – „Ich kann nun beide Seiten seh‘n, die eine grau, die and‘re schön. Doch wie die Liebe wirklich ist, das werd‘ ich vielleicht nie versteh‘n“.

Zum Abschluss gibt’s schon als Zugabe die „Hymne à l‘amour“ von Marguerite Monnot. Nach und nach haben die Musiker längst die Bühne verlassen. „Das ist mein Konzert“, sagt sie, „ich kann machen, was ich möchte.“ Und sie setzt sich ans Klavier und singt, sich selbst begleitend von Paul Abraham: „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände. Good night, good night, good night!“

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