Abschied von Windecken

08.05.2017 – MG                                 HIER mehr Fotos

Über viele Jahre hat Friederike Erichsen-Wendt als Pfarrerin die Geschicke der Evangelischen Kirchengemeinde in Nidderau Windecken geleitet. Dabei hat sie viel bewegt. Die Kinder- und Jugendarbeit lag ihr am Herzen, sie hat die Gottesdienstkultur neu erfunden, dem Poetry Slam in Kirchenpredigten Platz gegeben und nicht zuletzt ist es auch ihrem unermüdlichen Einsatz zu verdanken, dass ein neues Gemeindehaus erbaut werden konnte.

Nun verlässt sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge Windecken und übernimmt als neue Aufgabe in Hofgeismar die Ausbildung angehender Pfarrer/innen und unterrichtet zudem u.a. weitere kirchliche Berufsgruppen. Am Sonntag, den 4. Juni um 14 Uhr verabschiedet sie sich mit einem Gottesdienst in der Stiftskirche von Ihrer Gemeinde.

Mit Friederike Erichsen-Wendt sprach Marina Griepentrog:

Wie kam es zu dieser Neuorientierung? 

Ich bin nun eine lange Zeit in Windecken Pfarrerin. Nach einer ersten Phase der damals anstehenden Schwerpunktsetzungen in der kirchengemeindlichen Arbeit, der  Neukonzeptionierungen, v.a. im Bereich Kinder- und Jugendarbeit und im Blick auf die hohe Mobilität in der Stadt, habe ich vermehrt damit zu tun gehabt, Anfragen im Bereich Gottesdienst- und Predigtcoaching nachzugehen. In diesem Bereich bin ich ja besonders qualifiziert und es gibt hohe Bedarfe. Dass Kirche in Qualität und öffentliche Theologie investiert, wird zunehmend als wichtig und auch dringlich erkannt. Zumal gesellschaftliche und damit auch kirchliche Entwicklungen eine kluge, theologisch begründete Konzentration erforderlich machen, damit Kirche sich nicht verzettelt und unnötig unklar wird. Und ich habe gemerkt, wie wirksam es ist, mit anderen Menschen in diesem Bereich zu arbeiten. Dazu habe ich gute Netzwerke aufgebaut, von denen ich auch selbst profitiere. Alles gleichzeitig zu tun, geht auf die Dauer nicht, so gerne ich wirklich Gemeindepfarrerin bin. Deshalb musste ich mich entscheiden, was ich perspektivisch will.

Ist Ihnen die Entscheidung schwer gefallen? 

Ja und nein. Die Arbeit als Pfarrerin an der Stiftskirche bedeutet mir viel. Ich bewundere die Menschen, für die Kirche selbstverständlich zum Leben dazugehört und ich habe mich immer gern mit denen auseinandergesetzt, die viele Fragen an Glauben und Theologie haben. Ich feiere ausgesprochen gerne Gottesdienste, und vor allem die Stiftskirche ist ein ganz besonderer geistlicher Ort. Windecken erlaubt viel und macht viel möglich. Ich habe Hochachtung vor dem Engagement der Kirchengemeinde und ihrer Entscheidungsfähigkeit. Das ist nicht selbstverständlich. Für viele Menschen war ich selbstverständliche Ansprechpartnerin und seelsorgliche Begleiterin. Das Vertrauen schätze ich sehr. Dass ich mit Vielem provoziert habe, darin aber letztlich toleriert wurde, hat mich oft auch persönlich bewegt. Ich mochte es, mit großen Gruppen von Jugendlichen zusammenzuarbeiten. Die Art, wie evangelische Kirche in Nidderau als öffentliche Gesprächspartnerin geschätzt wird – das ist ein hohes Gut für das Zusammenleben in einer Stadt und umgekehrt auch eine solide Ausgangsbasis für gemeindliche Arbeit. Ich weiß, dass ich viel aufgebe. Mit meiner neuen Pfarrstelle verbinde ich die begründete Hoffnung, dass ich konzentriert im Bereich meiner Kompetenzschwerpunkte arbeiten kann, und diese nicht permanent in Konkurrenz zu einer sehr hohen Grundlast zu treten drohen. Das ist einfach eine grundsätzliche Herausforderung, über die an vielen Orten der Kirche nochmal nachgedacht werden muss.

Was ist Ihre neue Aufgabe?

Ich bin in der Landeskirche für die Ausbildung angehender Pfarrerinnen und Pfarrer im Bereich des Studienseminars verantwortlich. Wer den Pfarrberuf anstrebt, studiert Theologie – entweder grundständig oder in einem berufsbegleitenden Masterstudiengang – und macht anschließend ein 26monatiges Vikariat. Das findet zum Teil in einer Ausbildungsgemeinde, zum Teil in Kursen im Studienseminar, überwiegend in Hofgeismar, statt. Einige Fächer unterrichte ich selbst, für andere übernehme ich die Kursorganisation und lade Referent/innen ein. Ich begleite und berate die Kolleg/innen im Blick auf ihre berufsprofessionelle Entwicklung. Zunehmend werden im Seminar auch andere kirchliche Berufsgruppen wie Diakone, Religionspädagoginnen u.a. unterrichtet sowie Mitarbeitende im ehrenamtlichen Verkündigungsdienst wie Lektorinnen und Prädikanten. Daran mitzuwirken sowie Konzepte zu entwickeln, wie Theologie auch in einer Kirche, die quantitativ immer weniger theologisches Personal haben wird, verlässlich und angemessen zur Sprache und ins Spiel kommt – das ist meine Aufgabe. Dazu arbeite ich sowohl in einem Team vor Ort als auch in einem Netzwerk von Fachleuten zusammen, damit die Bedingungen für diese Bildungsprozesse möglichst gut sind. Das Studienseminar gilt als eigener Gemeindebezirk, so dass ich dort auch Andachten und Gottesdienste im Haus feiern werde.

Kam das Angebot plötzlich oder ergab sich die neue Ausrichtung als Folge eines längeren Prozesses? 

Ich habe mich auf diese Stelle beworben. Was ich im Rahmen des Auswahlverfahrens konzeptionell vorstellen konnte, ergibt sich für mich natürlich aus meinen praktisch-theologischen Arbeiten der letzten Jahre. Insofern war meine Entscheidung, in meinen wissenschaftlichen Arbeiten innertheologisch das Fach zu wechseln, schon ein wichtiger Schlüssel für eine neue Ausrichtung im Blick auf das, was ich für die Kirche tun möchte. Trotzdem fühlt es sich irgendwie auch „plötzlich“ an, wenn eine solche Entscheidung zur Veränderung dann mal gefallen ist. Nicht nur für die Gemeinde, sondern auch für mich.

Welchen Einfluss hat Ihre Familie auf die Entscheidung gehabt? 

Ich bin da ganz frei. Glücklicherweise ist es für uns privat aber ein sehr günstiger Zeitpunkt, uns jetzt auch nochmal als Familie zu verändern. Dass es so ist, dafür bin ich unendlich dankbar. Die neue Stelle bringt auch eine andere Arbeitsorganisation mit sich, und davon erhoffen wir uns auch manche Erleichterung. Ein Gemeindepfarramt ist ja für das ganze Umfeld immer auch herausfordernd.

Was hat Ihr Sohn Sönke zum bevorstehenden Ortswechsel gesagt? 

Sönke vermisst seine Freunde schon jetzt. Aber er ahnt auch, dass man damit zurechtkommen kann. Er ist ja ein sehr eigenständiges Kind und kennt verschiedene Kontexte. Und er freut sich auch: vor allem auf ein selbsteingerichtetes neues Zimmer und ist gespannt, wie seine neue Lehrerin heißen wird. Vieles ist noch gar nicht absehbar. Dass er weiß, dass das für die Erwachsenen auch gilt, macht ihn zuversichtlich.

Sie haben in Ihrer Zeit in Windecken sehr viel bewegt, bewirkt und erreicht. Bleiben Sie in Verbindung mit den vielen Menschen hier vor Ort? Was nehmen Sie mit aus den Jahren in Windecken? 

Selbstverständlich gibt es wichtige Beziehungen, die über die Jahre gewachsen sind. Die sind ja nicht verloren, nur, weil ich jetzt an einem anderen Ort lebe. Und doch glaube ich auch, dass es für die Kirchengemeinde wichtig ist, dass es jetzt viel Platz und Zeit für Neues gibt. Mit dem neuen Gemeindehaus gibt es jetzt die Möglichkeit, konzeptionell nochmal ganz neu anzusetzen. Andere Menschen können jetzt ganz leicht dazukommen; das ist ein Segen. Ich nehme eine Reihe für mich wichtiger Erfahrungen und Begegnungen mit. Die Gewissheit, wie wichtig es ist, dass Pfarrerinnen und Pfarrer Menschen theologisch und geistlich begleiten, für die Kirche öffentlich und verlässlich einstehen. Ich habe hier sehr viel und sehr hart gearbeitet und nehme den Eindruck mit, dass es nicht immer vergebens war. Ich bin von großer Dankbarkeit bewegt. Vieles, was hier möglich ist, ist nicht selbstverständlich. Das ist eine erinnerte Ressource, auf die ich gewiss auch in Zukunft werde zugreifen müssen. Das gilt für mich genauso wie für die Kirchengemeinde.

 

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